Dienstag, 15. Februar 2011

Short Verdict: Weitere Kurzfilm-Empfehlungen

Mittlerweile konnten wir alle Filme der Berlinale Shorts im Kino genießen. Da unsere ersten Interviews für Short Talks auf dem Programm stehen, schaffen wir es nicht mehr, alle Filme jedes Blockes einzeln zu besprechen. Es folgen hier deswegen nur noch einige unserer persönlichen Highlights, nach denen man unserer Meinung nach im Falle von ausverkauften Screenings unbedingt auch auf anderen Festivals Ausschau halten sollte!

Susya | Susya | Susya von Dani Rosenberg und Yoav Gross aus Israel



Vater und Sohn kehren nach 25 Jahren in ihr Heimatdorf zurück. Sie kaufen eine Eintrittskarte. Ihr ehemaliges Dorf ist heute eine archäologische Ausgrabungsstelle, hier befinden sich Ruinen jüdischer Bauten aus der Zeit des Römischen Reiches. Bei ihrer Wanderung durch das Dorf werden alle Schritte der Palästinenser von israelischen Soldaten überwacht. - Reale Situationskomik vor ernstem Hintergrund. Dieser tolle Dokumentarfilm zeigt, dass man Missstände und weltpolitische Themen vor einem internationalen Publikum auch verständlich machen kann, ohne dabei den Humor zu verlieren. Dabei zeigt der Film die Situation des Protagonisten eigentlich nur genau so absurd, wie sie in Wirklichkeit auch ist. (Läuft in Shorts III)

Scenes From The Suburbs | Scenes From The Suburbs | Scenes From The Suburbs von Spike Jonze aus Kanada

„I wish I could remember every little moment. But I can’t. Why do I only remember the moments that I do. I wonder what happens to the others.“ Eine Gruppe von Jugendlichen in einer Vorstadt. Damals, in dem Sommer vor so langer Zeit. Es gibt kein Rauskommen aus der Stadt, weil draußen Kriegszustand herrscht. Das Militär kontrolliert das Leben und die Tore. Die Jugendlichen streifen durch die Stadt. Der Winter ist weit weg. Noch ist die Sehnsucht und die Liebe, ist die Freundschaft – alles. - Einer der Feature-Film-artigsten Beiträge des diesjährigen Short-Programmes. Unheimlich brilliant gefilmt, mit fesselnder Atmosphäre, zu der nicht zuletzt ein wahnsinnig toller Soundtrack von Arcade Fire beiträgt. (Läuft in Shorts III)

Heavy Heads | Heavy Heads | Heavy Heads von Helena Frank aus Dänemark

Monika lebt einsam und zurückgezogen ihr Leben. Die Töne in ihrer Wohnung bestimmen den Rhythmus ihres Tages. Eine Fliege bringt Leben hinein, und auf einmal öffnet sich die Tür: Unerwarteter Besuch bringt Monikas Routine durcheinander.  - Was sich hier jetzt nach einem Standard-Kurzfilm mit sozialkritischer Note anhört, wird durch einen süffisant-abstrusen Animationsstil zum urkomischen Spektakel, das selbst zwischen Fliege und Mensch kaum Tabus kennt. Dieser Film sprengt die Grenzen zwischen Tristesse und Humor,  ohne sich dadurch weichspühlen zu lassen. (Läuft in Shorts V)

Green Crayons | Green Crayons | Green Crayons von Kazik Radwanski aus Kanada

Zeit zur freien Verfügung am Nachmittag in der Schule. Zwei Jungs stehen am Büchertisch und schauen, was es so gibt. Dann fängt der eine an, den anderen zu bespucken. Der andere steigt ein, lässt sich darauf ein. Die Lust, es zu tun, wächst mit dem Machen. Dann kommt die Lehrerin und das Drama nimmt seinen Lauf. - Kazik Radwanski ist nun zum dritten Mal hintereinander bei der Berlinale Spezialist dafür, uns ein Alltagsdrama in sprichwörtlicher Nah-Aufnahme zu präsentieren. Wir fühlen uns durch seine Filme oft in eigene Kindheits-Erinnerungen zurückversetzt, die mit der Thematik "Hilflosigkeit" und der selten eindeutig definierbaren Frage nach Gerechtigkeit eine prägende Wirkung für uns hatten. (Läuft in Shorts V)

PARANMANJANG | Night Fishing | Nachtangeln von PARKing CHANce (PARK Chan-wook, PARK Chan-kyong) aus der Republik Korea

Ein Mann bahnt sich seinen Weg durch den nebligen Wald. An einem Fluss macht er Halt und legt Angelruten aus. Stunden später – längst ist es dunkel geworden an diesem stillen Plätzchen – hat er nicht viel gefangen, doch harrt er weiter aus und wartet. Dann aber beißt etwas sehr Großes an. Es ist nichts, das er zum Abendessen auftischen könnte, sondern eine geheimnisvolle junge Frau in einem weißen Totengewand. Sie weint und spricht den Mann mit einer Kinderstimme als „Vater“ an … Der Film ist die erste Zusammenarbeit der Brüder Park. Gedreht haben sie ihn mit einem iPhone 4. - Hätte man nicht im Vorspann verraten bekommen, dass dieser Film komplett mit einem iPhone gedreht wurde, hätte man ihn wohl für ein auf älterem Filmstock gedrehtes Meisterwerk gehalten. Kaum ein anderer der längeren Shorts-Beiträge 2011 schickt den Zuschauer auf eine so wendungsreiche, spannende, lustige, traurige, bedächtige, meditative,... unglaubliche Reise wie Night Fishing. Jedes Kapitel des Shorts hätte auch als eigener Film eine klasse Figur gemacht, die Verknüpfung aller Teilstücke lässt ihn aber erst zu einem unvergesslichen Filmerlebnis werden. (Läuft in Shorts V)

Switez | The Lost Town of Switez | Switez - Die verlorene Stadt von Kamil Polak aus Polen

Ein Mann reist in einem Pferdewagen durch die Nacht. Der Kutscher treibt die Pferde an. Ein Gewitter zieht auf. Die Dunkelheit wird von merkwürdigen Lichtern durchbrochen. Plötzlich scheuen die Pferde: eine Frau, mitten auf dem Weg – und schon wieder verschwunden. Der Mann erschrickt, der Wagen bricht auseinander, Reiter zielen mit brennenden Pfeilen auf den Wald. Der Mann rennt und rennt. Er stürzt in den tiefen See und in die vergangene Zeit. - Ein audiovisuell überwältigendes Erlebnis, das seine Poesie gänzlich in Musik und fantasievollen Animationen sprechen lässt. Effektkino vom Feinsten, aber eben nicht nur der Effekte wegen. Muss man auf der großen Leinwand erlebt haben und krönt den ohnehin schon sehr starken Block V der diesjährigen Shorts zum Abschluss endgültig zu unserem Lieblings-Programmteil. (Läuft in Shorts V)

Alle Programmzeiten der Berlinale Shorts 2011 findet ihr unter diesem Link hier. Ihr habt selber bereits einen Block oder sogar alle Filme des Angebots gesehen? Wir freuen uns auch über eure Kritiken und Meinungen, die ihr unten in den Comments hinterlassen könnt!