Montag, 13. Februar 2012

Nehmt Abschied...

… vom Geschichtenerzählen! - Bei keiner anderen Berlinale der letzten fünf Jahre haben die Shorts ein Programm-Motto so radikal spürbar gemacht wie nun 2012.

Wir treiben in einem Ozean. Immer wieder huschen hektisch animierte Spiralzeichnungen vor unsere Augen, wenn große Wellen über uns hereinbrechen und wir kurz im Meer versinken. Das schauspielerlose Schauspiel variiert Tempo und Intensität, bleibt aber bis zum Schluss das, was es am Anfang war. Die Perspektive einer Kamera, die im Wasser treibt.

Filme wie Uzushio (Wirbelnder Strom) sind es, auf die das Programm der Berlinale Shorts 2012 seinen Fokus legt. Nicht immer handelt es sich dabei um experimentelle Kost, einiges erinnert handwerklich an konventionelles Kino. Was alle Beiträge gemeinsam haben, ist die Abkehr von Geschichten, die in längerer Form auch als abendfüllender Spielfilm funktionieren könnten. Die Shorts gehen 2012 noch stärker in die Richtung, Situationen und Ideen erzählerisch unverschnörkelt auf der Leinwand zu zeigen - ohne dass eine Geschichte nach klassischem Dramenaufbau drumherum gesponnen wird.

Für den Zuschauer ist dies ein ungewohntes, oft sogar unkomfortables Erlebnis. Er wird aus seiner Wohlfühlecke gerissen, in der er Filme für gewöhnlich so serviert bekommt, dass sie sein Unterbewusstssein häppchenweise nach vorgespeicherten Mustern interpretieren kann.

Umso interessanter fallen die Diskussionen nach den Vorführungen aus. "Ist keine Story nicht auch eine Story, solange 'etwas' gezeigt wird?", ist nur eine der Fragen, über die wir Zuschauer nach den Screenings oft angeregt miteinander plaudern hören.

Das diesjährige Motto der Berlinale Shorts wurde unübersehbar vom gleichnamigen Beitrag "Say goodbye to the Story" von Christoph Schlingensief abgeleitet. Die Beschreibung des Films sagt entsprechend viel über das Programm der Berlinale Shorts 2012 aus.

Kurzbeschreibung "Say goodbye to the Story" (Schlingensief/2011)
"Ein Albtraumniederschlag: GESTRICHENE Szenen eines Films, der allein aus gestrichenen Szenen besteht. Ihr wahrhaftigster Moment ist eine Traumsequenz, in der sich rauschhaft alle Qual der ersten Sequenz auflöst, um im Spuk einer dritten Sequenz zu landen. Nichts ist fertig, nicht einmal die Zwischentitel. Alles ist im Werden. Oder Vergehen. Schlingensief verzweifelt an seinen Darstellern, die vor seiner Kamera, also im Weg stehen. Er flucht, er  tanzt durchs Bild, er wiederholt und wiederholt. Er wischt das Objektiv, auf der Suche nach dem Moment zwischen den Bildern."

(Bild: Filmposter "Say goodbye to the Story")