Samstag, 12. Februar 2011

Berlinale Shorts I: Von Pornodreh bis Zombie-Action

Am heutigen Tage startete die 61. Berlinale für uns Short Talkler erst so richtig - und zwar mit dem Presse-Screening des ersten Blocks des diesjährigen Kurzfilmprogramms. Ganz ohne Pannen ging die Veranstaltung leider nicht über die Bühne, weswegen wir auch leider (noch) nichts über den Kurzfilm "Women Waiting" aus der Produktion unserer langjährigen Freunde Kazik Radwanski und Daniel Montgomery schreiben können. Nach wenigen Minuten war die Projektion beendet, denn der Ton wollte irgendwie nicht so ganz wie das Bild.


Ebenfalls schade: Die amüsanten Fragerunden zwischen Kuratorin Maike Mia Höhne und den verschiedenen Regisseuren als kleine Muntermacher zwischen den einzelnen Filmen sind leider weggefallen. Wohl auch, weil es dieses Jahr erneut ausführlichere Talkrunden der Shorts-Beteiligten zu festgelegten Terminen im Arsenal geben wird. Trotzdem, uns haben die kurzweiligen Intermezzos sehr gefehlt, gerade da sie immer einen schönen Puffer zum Durchatmen darstellten und man sich dadurch nicht ganz so sehr von einem kleinen Filmerlebnis zum nächsten Gehetzt gefühlt hat. Für unser Projekt im Speziellen ist es natürlich auch immer wichtig gewesen, direkt im Anschluss eines Filmes einen schnellen Ersteindruck vom jeweiligen Regisseur zu bekommen; sein Gesicht dazu auch etwas zu verinnerlichen.

Nichtsdestoweniger stehen für uns natürlich zu Anfang erst mal die Kurzfilme selbst im Mittelpunkt des Geschehens und derer wollen wir uns nun mal im Einzelnen annehmen. Vorab sei dazu gesagt: Die Berlinale Shorts sind immer eine Wundertüte unterschiedlichster Herangehensweisen an den kurzen Film und bewegte Bilder an sich. Selbst wenn die Wahrscheinlichkeit dadurch ziemlich hoch ist, dass gleich mehrere der ausgewählten Streifen den eigenen Geschmack komplett verfehlen, macht genau diese Mischung bei den Shorts ein herrlich kribbelndes Gefühl der Ungewissheit im Kinosaal aus. Man kann nie vorhersehen, ob als nächstes ein 30 Sekunden langer Bleistiftcartoon, eine Post-Tschernobyl-Dokumentation, ein mexikanischer Western, ein auf realen Tatsachen beruhender Banküberfall, ein waschechtes Biopic oder ein 30 Minuten langes südafrikanisches Märchendrama folgt.

Short Verdict - Die Kurzfilme in unserer Kurzkritik:

Erdö | Forest | Wald von György Mór Kárpáti aus Ungarn

Ein Schwarz/Weiß-Film, der mit einem Spiel im Wald beginnt und seine Hauptfigur in Folge der Eindrücke einer beiläufigen Entdeckung an seiner immer stärker aufkeimenden Angst verzweifeln lässt. Das Gezeigte wirkt wie eine modellhafte Darstellung psychologischer Mechanismen. Obwohl kaum gesprochen wird, sorgt die effektive Inszenierung für eine klar verständliche Darstellung der Leitmotive jeder einzelnen Einstellung.

Aterfödelsen | The Unliving | Die Untoten von Hugo Lilja aus Schweden

Die Menschheit ist von einem Zombievirus befallen worden, konnte sich der Plage allerdings erwehren und sogar Nutzen daraus ziehen. Untote werden von professionellen Einsatzteams gejagt, gefangen und anschließend durch operative Eingriffe zu Arbeitskräften verschiedener Bereiche umprogrammiert. Ob zum Opernsänger oder Gepäckträger. Die unausweichliche Moralfrage dahinter entwickelt sich für die Protagonisten des Films zu einer gammelfleischgewordenen Tragödie. Der von Anfang bis Ende wie ein Ausschnitt aus einem aufwendig produzierten Langfilm wirkende Festivalbeitrag begeistert vor allem Fans des Mainstream-Blockbusterkinos, die sich aus Interesse mal die Shorts ansehen wollen und hiermit trotzdem eine gute halbe Stunde vertrautes Mainstream-Blockbusterfeeling geboten bekommen. Andererseits ist es gerade diese Zombie-erfahrene Zielgruppe, die in der von "Aterfödelsen" präsentierten Story kaum neue Ansätze oder unerwartete Handlungsverläufe wiederfinden wird. Ein  qualitativ wirklich hochwertiger Genrefilm eben, aber auch nicht mehr.

Sju dagar i skogen | Seven Days in the Woods | Sieben Tage in den Wäldern von Peter Larsson aus Schweden

Dieser Film hat uns ein wenig Kopfzerbrechen bereitet und so ganz sicher sind wir uns immer noch nicht, was die Aussage hinter dem Ganzen sein sollte. Nacheinander wurden verschiedene Einstellungen aus einem Waldstück gezeigt, die von harten Schnitten zu kurzen Schwarzeinblendungen getrennt wurden. Die Soundkullisse wurde von einem kontinuierlichen Summen geprägt. Mittendrin gab es immer wieder bizarre Stop-Motion-Animationen, z.B. von sich selbst auftürmenden Schlammhaufen oder in ständiger Bewegung befindlichen Holzstöckchenkonstruktionen im Bild. Eine abstrakte Perspektive auf die ständige Bewegung des Lebens im Wal, die wir in unserer Realität nur mit sehr viel Aufmerksamkeit und einer Lupe erkennen können? Womöglich. Allerdings war uns die Aufbereitung des Films etwas zu verstörend und stockend, um ihn richtig genießen zu können. Trotzdem: Interessant und einfach "anders" war dieses Werk ohne Frage und solche Ausreißer machen die Shorts ja wie gesagt erst spannend.

Ashley/Amber | Ashley/Amber | Ashley/Amber von von Rebecca R. Rojer aus Schweden

Was mit einem Pornodreh der Marke Internetgeneration beginnt, entwickelt sich zum Portrait einer jungen Frau, welche den Tod ihres im Krieg gefallenen Freundes zu verarbeiten versucht, um zu sich selbst zu finden, während die Welt um sie herum zerrissener kaum sein könnte. Ihre Mitbewohner ballern sich scheinbar 24 Stunden am Tag im Shootergame Modern Warfare 2 die Langeweile um die Ohren und zeigen keinerlei Interesse oder Mitgefühl für sie, ihre beste Freundin möchte sie wiederum um jeden Preis als Rednerin für eine eher erfolglose Anti-Kriegsbewegung instrumentalisieren. Schlussendlich sorgt erst ihre unglückliche Berühmtheit als Pornodarstellerin dafür, dass sich die Leute wirklich mit ihrem Schicksal als Zurückgebliebene eines gefallenen Soldaten auseinandersetzen... wenn auch auf höchst fragwürdige Weise. Wir mochten diesen in jeder Hinsicht sehr gefühlvoll inszenierten Wettbewerbsbeitrag besonders, weil er ein auf Basis unserer Realität aufgebautes Schicksal mit zeitaktuellem Touch anhand vieler Elemente (Videospiele, Internet,...) so angereichert hat, dass man auch als komplett aussenstehender von der ersten Sekunde an emotional in die gezeigte Situation hineinfindet.

Tomorrow Everything Will Be Alright| Tomorrow Everything Will Be Alright | Morgen wird alles gut sein von Akram Zaatari aus dem Libanon

Wie sähen heutige Internet-Chats eigentlich aus, wenn sie live auf einer traditionellen Schreibmaschine abgetippt würden? Dieser Film veranschaulicht die Antwort auf diese Frage, was die ersten Minuten über höchst amüsant abläuft, sich dann allerdings ziemlich in die Länge zieht. 

Alle Programmzeiten der Berlinale Shorts 2011 findet ihr unter diesem Link hier. Ihr habt selber bereits einen Block oder sogar alle Filme des Angebots gesehen? Wir freuen uns auch über eure Kritiken und Meinungen, die ihr unten in den Comments hinterlassen könnt!